Der Schimmelreiter (Storm)
Sehr kurze Zusammenfassung
Nordfriesland, Mitte des 18. Jahrhunderts. Der junge Hauke Haien arbeitete als Kleinknecht beim Deichgrafen und verliebte sich in dessen Tochter Elke.
Nach dem Tod des alten Deichgrafen heirateten sie, und Hauke wurde durch Elkes Erbe neuer Deichgraf. Er plante einen neuartigen, flacher abfallenden Deich zu bauen. Trotz Widerstand der Dorfbewohner setzte er sein Projekt durch. Das Ehepaar bekam eine geistig behinderte Tochter, Wienke.
Hauke kaufte einen abgemagerten Schimmel, der sich unter seiner Pflege erholte. Im Dorf kursierten Gerüchte, es handle sich um ein Teufelspferd. Der neue Deich wurde fertiggestellt, doch Hauke entdeckte eine Schwachstelle im alten Deich, die er aus Rücksicht auf die Kritiker nicht ausbesserte.
Während einer schweren Sturmflut wollte Ole Peters, Haukes alter Widersacher, den neuen Deich durchstechen, um den alten zu retten. Hauke verhinderte dies, doch der alte Deich brach an der vernachlässigten Stelle. Als er sah, wie Elke und Wienke in ihrer Kutsche von den Fluten verschlungen wurden, ritt er auf seinem Schimmel in den Tod.
»Vorwärts!« rief er noch einmal, wie er es so oft zum festen Ritt gerufen hatte. »Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!« Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie.
Der neue Deich hielt der Sturmflut stand und wurde im Volksmund als Hauke-Haien-Koog bekannt, während die Legende vom Schimmelreiter entstand, der bei Sturmfluten auf dem Deich erscheint.
Ausführliche Zusammenfassung
Die Einteilung in Abschnitte ist redaktionell.
Die Rahmenerzählung: Ein Reiter in stürmischer Nacht
An einem stürmischen Oktobertag der 1880er Jahre ritt ein Reisender entlang der nordfriesischen Küste. Im Zwielicht sah er eine gespenstische Gestalt auf einem Schimmel am Deich vorbeireiten. In einem Gasthaus erfuhr er von den Anwesenden mehr über diese Erscheinung.
Der örtliche Schulmeister bot an, die Geschichte des Schimmelreiters zu erzählen, die er aus den Überlieferungen der Marschbewohner zusammengetragen hatte. Die Anwesenden versammelten sich um ihn, während draußen der Sturm tobte.
»Der Schimmelreiter!« rief einer aus der Gesellschaft, und eine Bewegung des Erschreckens ging durch die übrigen. Der Deichgraf war aufgestanden. »Ihr braucht nicht zu erschrecken«, sprach er.
Haukes Jugend und erste Arbeit beim Deichgrafen
Die Geschichte begann in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hauke Haien, der Sohn eines Kleinbauern und Landvermessers, zeigte schon früh besonderes Interesse an Deichen und Wasserbau. Er verbrachte viele Stunden damit, die Bewegungen des Meeres zu beobachten und über bessere Deichkonstruktionen nachzudenken.
Mit achtzehn Jahren trat Hauke eine Stelle als Kleinknecht beim Deichgrafen Tede Volkerts an. Dort lernte er nicht nur die praktische Deicharbeit kennen, sondern auch die Tochter des Deichgrafen, Elke, die ihm bei der Verwaltungsarbeit half. Zwischen den beiden entwickelte sich eine stille Zuneigung.
Die Liebe zu Elke und der Weg zum Deichgrafen-Amt
Trotz der Feindschaft des Großknechts Ole Peters, der Hauke als Emporkömmling verachtete, stieg dieser zum Großknecht auf. Seine Beziehung zu Elke vertiefte sich, und heimlich verlobten sie sich mit einem Ring, den Hauke gekauft hatte.
Nach dem Tod seines Vaters erbte Hauke dessen Landbesitz. Als kurz darauf auch der alte Deichgraf starb, heiratete Hauke Elke und übernahm, nicht zuletzt durch ihr Erbe und ihre Unterstützung, das Amt des Deichgrafen. Dies führte zu Unmut in der Gemeinde, da viele meinten, er sei nur durch seine Heirat zu dieser Position gekommen.
Der neue Deich: Haukes großes Projekt
Hauke entwickelte einen Plan für einen neuen, innovativen Deich. Statt der traditionellen steilen Bauweise schlug er ein flacheres Profil vor, das den Wellen weniger Angriffsfläche bieten würde. Trotz erheblichen Widerstands in der Gemeinde setzte er sein Projekt durch.
»Ich will«, sagte er langsam, »daß das große Vorland eingedeicht werde. Die hohen Fluten haben fast ein Menschenalter uns in Ruh gelassen; wenn aber eine von den schlimmen wiederkommt, so kann alles zu Ende sein."
Die Bauarbeiten waren mühsam und gefährlich. Hauke überwachte sie persönlich, oft auf seinem Schimmel reitend, den er unter mysteriösen Umständen von einem fremden Händler erworben hatte. Der neue Deich wurde nach seiner Fertigstellung im Volksmund als 'Hauke-Haien-Koog' bekannt, obwohl er offiziell einen anderen Namen trug.
Familienleben und persönliche Prüfungen
Die Ehe von Hauke und Elke wurde nach vielen kinderlosen Jahren durch die Geburt einer Tochter gesegnet. Doch die kleine Wienke erwies sich als geistig behindert, was beide Eltern tief erschütterte. Dennoch liebten sie ihr Kind und kümmerten sich aufopferungsvoll um es.
»Herr, mein Gott«, schrie er; »nimm sie mir nicht! Du weißt, ich kann sie nicht entbehren!« Dann war's, als ob er sich besinne, und leiser setzte er hinzu: »Ich weiß ja wohl, du kannst nicht allezeit, wie du willst."
Der geheimnisvolle Schimmel
Der Schimmel, den Hauke von einem unheimlichen Händler erworben hatte, wurde zu seinem treuen Begleiter. Das Pferd war anfangs mager und krank gewesen, erholte sich aber unter Haukes Pflege. Im Dorf kursierten Gerüchte, es handle sich um ein Teufelspferd, da es nur Hauke an sich heranließ.
Haukes Knecht Carsten sah nachts auf der Jevershallig ein gespenstisches weißes Pferd, das sich als Skelett entpuppte. Als er später den Schimmel seines Herrn erblickte, war er überzeugt, dass es sich um dasselbe übernatürliche Wesen handelte. Diese Geschichte verstärkte den Aberglauben im Dorf.
Wachsende Spannungen und Aberglaube
In das Haus des Deichgrafen zog die alte Trin' Jans ein, die sich um Wienke kümmerte und ihr von Wassergeistern und unheimlichen Geschichten erzählte. Hauke verbot ihr dies, konnte aber nicht verhindern, dass sich solche Geschichten im Dorf verbreiteten.
Die Spannungen in der Gemeinde nahmen zu, als Hauke eine schwache Stelle im alten Deich entdeckte. Er zögerte mit der Reparatur, was sich später als verhängnisvoll erweisen sollte. Seine Gegner, angeführt von Ole Peters, nutzten jede Gelegenheit, um seine Autorität zu untergraben.
»Herr Gott, ja, ich bekenn es«, rief er plötzlich laut in den Sturm hinaus, »ich habe meines Amtes schlecht gewartet!« Zu seiner Linken tobte das Meer; vor ihm lag der alte Koog mit seinen Werften und Häusern.
Die letzte Sturmflut und Haukes Ende
An einem stürmischen Herbstabend brach eine schwere Sturmflut herein. Hauke ritt auf seinem Schimmel zum Deich, um die Situation zu überwachen. Er entdeckte, dass seine Gegner einen Durchstich des neuen Deiches planten, um den alten zu retten, und verhinderte dies.
»Der Hauke-Haien-Deich, er soll schon halten; er wird es noch nach hundert Jahren tun!« Ein donnerartiges Rauschen zu seinen Füßen weckte ihn aus diesen Träumen; der Schimmel wollte nicht mehr vorwärts.
Doch dann entdeckte er einen Bruch im alten Deich. In diesem Moment sah er seine Frau in einer Kutsche mit ihrer Tochter auf dem Weg zum Deich. Er versuchte sie zu warnen, aber seine Rufe gingen im Sturm unter. Die Flut riss Elke und Wienke in den Tod.
»Das Ende!« sprach er leise vor sich hin; dann ritt er an den Abgrund, wo unter ihm die Wasser, unheimlich rauschend, sein Heimatsdorf zu überfluten begannen; noch immer sah er das Licht von seinem Hause schimmern.
In seiner Verzweiflung ritt Hauke mit seinem Schimmel in die Fluten, um den Tod zu suchen. Der neue Deich hielt der Sturmflut stand, aber der alte Koog wurde überflutet. Die Geschichte endete damit, dass der Schulmeister seine Erzählung beendete und die Gesellschaft sich auflöste.