Iphigenie in Aulis (Euripides)
Sehr kurze Zusammenfassung
Im griechischen Heerlager von Aulis wartete die Flotte der Griechen auf günstigen Wind für den Feldzug gegen Troja. Der Seher Kalchas verkündete, dass die Göttin Diana die Opferung von Agamemnons Tochter Iphigenie forderte, damit die Flotte auslaufen könne.
Agamemnon lockte unter dem Vorwand einer Hochzeit mit Achill seine Tochter und seine Frau Klytämnestra ins Lager. Als er seinen Plan bereute und einen Boten mit einer Warnung schickte, fing sein Bruder Menelaus den Brief ab. Nach einem heftigen Streit zwischen den Brüdern traf Iphigenie mit ihrer Mutter ein.
Als Klytämnestra die Wahrheit erfuhr, flehte sie Agamemnon und dann Achill um Hilfe an. Achill versprach, Iphigenie zu schützen. Doch als Iphigenie vom drohenden Aufruhr im Heer erfuhr, fasste sie einen mutigen Entschluss.
Ich bin entschlossen, zu sterben - aber, ohne Widerwillen, aus eigner Wahl und ehrenvoll zu sterben! Hör meine Gründe an und richte selbst!
Sie erklärte, dass sie freiwillig sterben wolle, um Griechenland zu retten. Weder die Tränen ihrer Mutter noch Achills Angebot, sie mit Waffengewalt zu schützen, konnten sie umstimmen. Mit erhobenem Haupt ging sie zum Altar. In letzter Sekunde rettete Diana das Mädchen, indem sie eine Hirschkuh als Ersatzopfer sandte und Iphigenie nach Tauris entrückte.
Die griechische Flotte erhielt günstigen Wind und konnte nach Troja aufbrechen. Klytämnestra kehrte verbittert nach Mykene zurück, wo sie später blutige Rache an ihrem Gatten für die vermeintliche Opferung ihrer Tochter nahm.
Ausführliche Zusammenfassung nach Akten
Die Titel der Akte und ihre Unterteilung in Szenen sind redaktionell.
Akt 1. Agamemnons Dilemma
Der verhängnisvolle Brief
In einer Nacht vor dem griechischen Lager in Aulis rief Agamemnon seinen alten Sklaven zu sich. Er war sichtlich beunruhigt und verfasste einen Brief, den er mehrmals öffnete und wieder versiegelte.
Agamemnon enthüllte dem Sklaven die Vorgeschichte: Als Helena, die Schwester seiner Frau Klytämnestra, von Paris nach Troja entführt wurde, schworen die griechischen Fürsten, sie zurückzuholen. Nun lag die Flotte in Aulis, doch widrige Winde verhinderten die Abfahrt. Der Seher Kalchas verkündete, dass nur ein Opfer an die Göttin Diana die Winde günstig stimmen könne - Agamemnons Tochter Iphigenie müsse geopfert werden.
Um seine Tochter nach Aulis zu locken, hatte Agamemnon seiner Frau geschrieben, Iphigenie solle Achilles heiraten. Nun quälten ihn Gewissensbisse und er verfasste einen zweiten Brief, in dem er seine Familie warnte und sie aufforderte, nicht nach Aulis zu kommen. Diesen Brief übergab er dem Sklaven mit dem Auftrag, ihn eilig nach Argos zu bringen.
Der Chor der Frauen aus Chalcis
Eine Gruppe von Frauen aus der nahen Stadt Chalcis erschien, um die versammelte griechische Flotte zu bestaunen. Sie beschrieben die mächtigen Schiffe und ihre berühmten Anführer, darunter Achilles, den Sohn der Göttin Thetis.
Akt 2. Streit der Brüder
Menelaus entdeckt den Brief
Menelaus, Agamemnons Bruder, fing den Sklaven ab und entriss ihm gewaltsam den Brief. Als Agamemnon hinzukam, entbrannte ein heftiger Streit zwischen den Brüdern. Menelaus warf seinem Bruder vor, seine ursprüngliche Zusage zum Opfer aus Ehrgeiz gegeben zu haben und nun aus Schwäche zurückzuweichen.
So bin ich denn - ich unglücksel'ger Mann! - um alle meine Freunde! Fordre nicht der Freunde Untergang - so werden sie bereit sein, dir zu dienen.
Versöhnung der Atriden
In diesem Moment traf ein Bote ein und verkündete die Ankunft von Klytämnestra und Iphigenie im Lager. Die Nachricht erschütterte beide Brüder. Menelaus, von Mitleid ergriffen, änderte seine Meinung und versuchte nun, Agamemnon vom Opfer abzubringen. Doch dieser sah keinen Ausweg mehr - die Armee würde das Opfer fordern und sich nicht mehr aufhalten lassen.
Akt 3. Ankunft der Opfer
Klytämnestra und Iphigenie treffen ein
Klytämnestra traf mit Iphigenie und dem kleinen Orestes im Lager ein. Die ahnungslose Tochter begrüßte ihren Vater voller Freude, während dieser seine Verzweiflung kaum verbergen konnte.
O Kind! für einen König und Feldherrn gibt's der Sorgen so gar viele. Laß diese Sorgen jetzt, und sei bei mir! Bei dir bin ich und wahrlich nirgends anders! Ich entfalte meine Stirne. Sieh!
Agamemnons Qual
Als Klytämnestra die vorgebliche Hochzeit mit Achilles besprach, steigerte sich Agamemnons innere Qual. Er versuchte seine Frau zu überreden, nicht an der Zeremonie teilzunehmen und nach Argos zurückzukehren. Doch Klytämnestra bestand darauf zu bleiben - es sei ihre mütterliche Pflicht, bei der Hochzeit ihrer Tochter anwesend zu sein.
Daß sie der Frau verbieten, ins Gewühl von Kriegern sich zu mengen, dieses weiß ich. Es heischt die Sitte, daß aus Mutterhänden die Braut der Bräutigam empfange.
Akt 4. Achilles' Eingreifen
Enthüllung des Plans
Der ahnungslose Achilles traf auf Klytämnestra, die ihn als künftigen Schwiegersohn begrüßte. In diesem Moment wurde beiden klar, dass sie getäuscht worden waren. Ein alter Diener enthüllte den wahren Plan Agamemnons: Iphigenie sollte nicht verheiratet, sondern geopfert werden.
Achilles' Versprechen
Achilles, in seiner Ehre gekränkt und von Mitleid ergriffen, versprach Klytämnestra, ihre Tochter zu schützen. Er würde nicht zulassen, dass sein Name für diesen Betrug missbraucht würde. Zunächst sollte Klytämnestra versuchen, Agamemnon umzustimmen - falls dies nicht gelänge, würde Achilles mit Gewalt einschreiten.
Akt 5. Iphigenies Entscheidung
Der heroische Entschluss
Als Iphigenie die Wahrheit erfuhr, flehte sie zunächst ihren Vater an, sie zu verschonen. In einer bewegenden Rede erinnerte sie ihn an ihre Kindheit und ihre Liebe zu ihm.
Nichts Süßres gibt es, als der Sonne Licht zu schaun! Niemand verlanget nach da unten. Der raset, der den Tod herbeiwünscht! Besser in Schande leben, als bewundert sterben!
Doch dann fasste sie einen heroischen Entschluss. Sie erkannte die Bedeutung des Opfers für ganz Griechenland und beschloss, freiwillig in den Tod zu gehen. Weder die Bitten ihrer Mutter noch Achilles' Angebot, sie zu retten, konnten sie umstimmen.
Das ganze große Griechenland hat jetzt die Augen auf mich Einzige gerichtet. Ich mache seine Flotte frei - durch mich wird Phrygien erobert.
Der Abschied
In einer ergreifenden Abschiedsszene nahm Iphigenie Abschied von ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Orestes. Sie bat ihre Mutter, dem Vater nicht zu zürnen, da er keine Wahl gehabt habe. Mit erhobenen Haupt ging sie ihrem Schicksal entgegen.
O Fackel Jovis! Schöner Strahl des Tages! Ein ander Leben thut sich mir jetzt auf, zu einem andern Schicksal scheid' ich über. Geliebte Sonne, fahre wohl!