Philosophische Briefe (Schiller)
Sehr kurze Zusammenfassung
Ein philosophischer Briefwechsel zwischen zwei Freunden entfaltete sich. Julius beklagte den Weggang seines Mentors Raphael und die dadurch ausgelöste geistige Krise.
Durch Raphaels Einfluss hatte Julius seinen naiven Kinderglauben verloren und war in tiefe Zweifel gestürzt.
In seiner Verzweiflung beschrieb Julius den Verlust seiner früheren Gewissheiten.
Die Vernunft ist eine Fackel in einem Kerker. Der Gefangene wußte nichts von dem Lichte, aber ein Traum der Freiheit schien über ihm, wie ein Blitz in der Nacht, der sie finsterer zurückläßt.
Julius entwickelte daraufhin seine eigene philosophische Weltanschauung, die er 'Theosophie des Julius' nannte. Darin sah er das Universum als Gedanken Gottes und die Liebe als verbindende Kraft zwischen allen Wesen. Raphael antwortete mit einer mahnenden Kritik dieser schwärmerischen Philosophie und forderte Julius auf, zu einer höheren geistigen Freiheit zu gelangen, die nicht auf metaphysischen Spekulationen, sondern auf vernünftiger Selbstbeschränkung beruhe.
Am Ende ermunterte Raphael seinen Schüler, die Grenzen menschlicher Erkenntnis zu akzeptieren und sich stattdessen auf die praktische Verwirklichung seiner Kräfte zu konzentrieren.
Ausführliche Zusammenfassung nach Briefen und Abschnitten
Die erläuternden Untertitel der Briefe und der Vorerinnerung sind redaktionell.
Vorerinnerung. Über die Entwicklung der Vernunft
Die Vernunft hat ihre Epochen, ihre Schicksale, wie das Herz, aber ihre Geschichte wird weit seltener behandelt. Man scheint sich damit zu begnügen, die Leidenschaften in ihren Extremen zu entwickeln.
Die Vorerinnerung erläuterte den Zweck und die Entstehung der philosophischen Briefe. Sie entstanden aus dem Briefwechsel zweier junger Männer von unterschiedlichem Charakter, die sich auf verschiedenen Wegen zur gleichen Überzeugung durchrangen. Die Briefe sollten die Entwicklung und Revolutionen des Denkens aufzeigen. Dabei wurde betont, dass die darin enthaltenen Meinungen nur bedingt wahr oder falsch sein könnten, da sie die Weltsicht einer bestimmten Seele widerspiegelten.
Julius an Raphael. Der Verlust des Glaubens
Der erste Brief stammte von Julius, der den Abschied seines Freundes Raphael beklagte. Er wanderte durch die herbstliche Natur und erinnerte sich wehmütig an ihre gemeinsamen Spaziergänge und philosophischen Gespräche.
Selige paradiesische Zeit, da ich noch mit verbundenen Augen durch das Leben taumelte... Ich empfand und war glücklich. Raphael hat mich denken gelehrt, und ich bin auf dem Wege, meine Erschaffung zu beweinen.
Julius an Raphael. Stolz und Verzweiflung
Im zweiten Brief beschrieb Julius, wie Raphaels Lehren seinen Stolz geschmeichelt hatten. Er fühlte sich nun als Bürger des Universums, befreit von gesellschaftlichen Konventionen. Doch diese neue Freiheit brachte auch Verzweiflung mit sich, da er erkannte, wie beschränkt der Mensch trotz seiner hohen Ansprüche ist. Der freie Geist sei in einen sterblichen Körper eingezwängt, unfähig, alle seine Begierden gleichzeitig zu erfüllen.
Julius an Raphael. Die Krise des Denkens
Der dritte Brief offenbarte Julius' tiefe Glaubenskrise. Er haderte mit dem Verlust seiner religiösen Überzeugungen und der Sicherheit, die sie ihm gegeben hatten. Raphael hatte ihn gelehrt, nur seiner eigenen Vernunft zu vertrauen, doch nun fürchtete er, dass auch diese ihn täuschen könnte. Seine Glückseligkeit hing nun vom harmonischen Takt seines Sensoriums ab, was ihn zutiefst beunruhigte.
Theosophie des Julius
Die Welt und das denkende Wesen
Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nachdem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hinübertrat und die geborne Welt den Riß ihres Schöpfers erfüllte - erlaube mir diese menschliche Vorstellung.
In seiner Theosophie entwickelte Julius eine eigene Weltanschauung. Er sah das Universum als Gedanken Gottes und die Natur als dessen Abbild. Das denkende Wesen habe die Aufgabe, in der vorhandenen Welt die ursprüngliche Zeichnung wiederzufinden. Alle Erscheinungen in der Natur seien nur Hieroglyphen einer dem Menschen ähnlichen Kraft.
Idee
Julius argumentierte, dass alle Geister von Vollkommenheit angezogen würden. Sie strebten danach, ihre Kräfte frei zu äußern und alles Vortreffliche in sich aufzunehmen. Die Anschauung des Schönen, Wahren und Vortrefflichen sei eine augenblickliche Besitznahme dieser Eigenschaften. In dem Moment, wo wir sie uns denken, würden wir zu ihren Eigentümern.
Liebe
Liebe also - das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend - Liebe ist nur der Widerschein dieser einzigen Urkraft.
Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigenthums - Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord.
Die Liebe betrachtete Julius als höchstes Phänomen der Schöpfung. Sie sei die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend. Durch die Liebe würde der Mensch reicher, während der Hass ihn ärmer mache. Julius wandte sich gegen die Philosophen seiner Zeit, die versuchten, die Liebe als bloßen Eigennutz zu erklären.
Aufopferung
Julius untersuchte das Phänomen der Aufopferung, das scheinbar der Natur der Liebe widerspricht. Er fragte sich, wie es möglich sei, dass Menschen bereit sind, für andere zu sterben. Die Vorstellung der Unsterblichkeit könne diesen Widerspruch nicht auflösen, da sie die Reinheit der Aufopferung beeinträchtige. Es müsse eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unsterblichkeit bestehen könne.
Gott
Alle Vollkommenheiten im Universum sind vereinigt in Gott. Gott und Natur sind zwei Größen, die sich vollkommen gleich sind. Die ganze Summe von harmonischer Thätigkeit... ist in der Natur vereinzelt.
In seiner Gottesvorstellung vereinte Julius alle Vollkommenheiten des Universums. Er sah Gott und Natur als zwei sich völlig entsprechende Größen. Die Natur beschrieb er als einen unendlich geteilten Gott. Wie sich weißes Licht in sieben Strahlen breche, so habe sich das göttliche Ich in zahllose empfindende Substanzen gebrochen. Die Liebe sei die Kraft, die alle diese getrennten Wesen wieder zur Einheit führe.
Raphael an Julius. Der Weg zur höheren Freiheit
In seinem Antwortbrief zeigte Raphael Verständnis für Julius' Krise, sah sie aber als notwendigen Entwicklungsschritt. Er erklärte, dass er Julius absichtlich aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt habe, um ihn zu einer höheren geistigen Freiheit zu führen. Die Rückkehr zu seinen alten Überzeugungen sei nun unmöglich, aber dies sei auch nicht wünschenswert.
Raphael kritisierte Julius' philosophisches System als zu kühn und umfassend. Er verglich es mit den frühen Versuchen der Menschheit, das Universum zu erklären, bevor sie sich der Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit bewusst wurde. Julius müsse lernen, diese Grenzen zu akzeptieren, ohne dabei in Verzweiflung zu verfallen. Die wahre Größe des Menschen liege nicht in der Erkenntnis des Absoluten, sondern in der Art, wie er seinen begrenzten Wirkungskreis gestalte.
Der Brief schloss mit der Hoffnung, dass Julius zu einer ausgeglicheneren Haltung finden würde. Raphael versicherte ihm, dass die demütigenden Wahrheiten über die Grenzen des menschlichen Wissens erst dann interessant würden, wenn man reif genug sei, sie zu ertragen. Er forderte Julius auf, zunächst andere philosophische Systeme mit gleicher Unparteilichkeit und Strenge zu prüfen.