Schachnovelle (Zweig)
Sehr kurze Zusammenfassung
Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires wurde der Weltschachmeister von einem reichen Geschäftsmann zu einer Partie Schach herausgefordert. Ein österreichischer Emigrant half der Gruppe von Amateuren bei ihrem Spiel gegen den Meister und erreichte ein Remis.
Der Emigrant erzählte daraufhin seine Geschichte: Als Vermögensverwalter in Wien war er von der Gestapo verhaftet und monatelang in Einzelhaft gehalten worden. In völliger Isolation fand er ein Schachbuch und begann, die darin enthaltenen Partien nachzuspielen.
Um sich zu beschäftigen, lernte er alle Partien auswendig. Als er diese beherrschte, begann er gegen sich selbst zu spielen, was zu einer gefährlichen Spaltung seiner Persönlichkeit führte.
Aus der Spielfreude war eine Spiellust geworden, aus der Spiellust ein Spielzwang, eine Manie, eine frenetische Wut, die nicht nur meine wachen Stunden, sondern allmählich auch meinen Schlaf durchdrang.
Nach einem Nervenzusammenbruch kam er ins Krankenhaus und wurde später freigelassen. Trotz seiner traumatischen Erfahrung ließ er sich zu einer Partie gegen Czentovic überreden. Er gewann diese Partie, verlor aber bei der zweiten die Beherrschung, als alte Verhaltensmuster zurückkehrten. Er brach das Spiel ab und schwor, nie wieder Schach zu spielen.
Ausführliche Zusammenfassung
Die Einteilung in Abschnitte ist redaktionell.
Begegnung mit dem Schachweltmeister Czentovic
Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires beobachtete der Erzähler das geschäftige Treiben der letzten Stunde vor der Mitternachtsabfahrt. Während er sich mit einem Bekannten unterhielt, wurden in ihrer Nähe Blitzlichtaufnahmen gemacht. Sein Bekannter erklärte ihm, dass sich der Schachweltmeister Mirko Czentovic an Bord befand.
Alle Arten von monomanischen, in eine einzige Idee verschossenen Menschen haben mich zeitlebens angereizt, denn je mehr sich einer begrenzt, um so mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe.
Czentovics Werdegang zum Schachweltmeister
Mirko Czentovic war als Sohn eines armen donauschwäbischen Schiffers aufgewachsen. Nach dem Tod seines Vaters nahm ihn der Dorfpfarrer bei sich auf. Der Junge zeigte sich jedoch als schwerfällig und unbelehrbar. Er konnte kaum lesen und schreiben und galt als völlig teilnahmslos. Eines Abends beobachtete er zufällig eine Schachpartie zwischen dem Pfarrer und dem Gendarmeriewachtmeister. Überraschenderweise besiegte er kurz darauf beide im Schach.
Mit siebzehn Jahren gewann er bereits zahlreiche Schachpreise, mit achtzehn die ungarische Meisterschaft und mit zwanzig die Weltmeisterschaft. Trotz seiner beschränkten Bildung und seiner Unfähigkeit, Schach blind zu spielen, besiegte er durch seine zähe, kalte Logik die intellektuell weit überlegenen Gegner. Seine Erfolge machten ihn arrogant und geldgierig - er nutzte seinen Ruhm schamlos aus, um finanziellen Profit zu erzielen.
Die erste Schachpartie gegen Czentovic
Der schottische Ingenieur McConnor, ein wohlhabender und ehrgeiziger Passagier, forderte Czentovic zu einer Partie Schach heraus. Czentovic willigte erst ein, als McConnor ein Honorar von 250 Dollar bot. In der ersten Partie spielten mehrere Passagiere gemeinsam gegen den Weltmeister, wurden aber besiegt.
Dr. B.s Vorgeschichte: Gefangenschaft und Isolation
Während der Partie griff plötzlich ein mysteriöser Passagier ein und verhalf der Gruppe zu einem Remis. Es war Dr. B., ein österreichischer Vermögensverwalter, der sich zunächst weigerte, selbst gegen Czentovic anzutreten. Schließlich erzählte er dem Erzähler seine Geschichte: Er hatte eine renommierte Kanzlei in Wien geleitet, die die Vermögen von Klöstern und Adeligen verwaltete.
Nach dem Anschluss Österreichs wurde er von der Gestapo verhaftet, da er wichtige Informationen über kirchliche und monarchistische Vermögenswerte besaß. Statt ihn in ein Konzentrationslager zu bringen, sperrte man ihn in völliger Isolation in einem Hotelzimmer ein.
Indem man uns jeden einzeln in ein völliges Vakuum sperrte, in ein Zimmer, das hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen war, sollte, statt von außen durch Prügel und Kälte, jener Druck von innen erzeugt werden.
Das gestohlene Schachbuch als Rettung
In seiner Verzweiflung gelang es Dr. B., während einer Vernehmung ein Schachbuch aus dem Mantel eines Gestapo-Offiziers zu stehlen. Das Buch enthielt 150 Meisterpartien, die er zunächst nachspielte und später auswendig lernte. Das Schachspiel wurde zu seiner einzigen Beschäftigung und rettete ihn vor dem drohenden geistigen Zusammenbruch.
Das Schachspiel besitzt den wunderbaren Vorzug, durch Bannung der geistigen Energien auf ein engbegrenztes Feld selbst bei anstrengendster Denkleistung das Gehirn nicht zu erschlaffen.
Schach gegen sich selbst: Der Weg in den Wahnsinn
Nach einigen Monaten kannte Dr. B. alle Partien auswendig und begann, gegen sich selbst zu spielen. Er versuchte, sein Bewusstsein in ein 'Ich Weiß' und ein 'Ich Schwarz' zu spalten. Diese Selbstspaltung führte zu einer gefährlichen geistigen Überanstrengung.
Ein solches Doppeldenken setzt eigentlich eine vollkommene Spaltung des Bewußtseins voraus... gegen sich selbst spielen zu wollen, bedeutet also im Schach eine solche Paradoxie.
Wer auf Erden verfügte über so viel ungenützte und nutzlose Zeit wie ich, der Sklave des Nichts, wem stand so viel unermeßliche Gier und Geduld zu Gebot?
Zusammenbruch und Rettung
Die obsessive Beschäftigung mit dem Schachspiel führte schließlich zu einem Nervenzusammenbruch. Dr. B. attackierte einen Wärter und verletzte sich selbst. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wo ein mitfühlender Arzt seine Entlassung erwirkte. Nach seiner Genesung hatte er nie wieder Schach gespielt - bis zu dieser Begegnung auf dem Schiff.
Die entscheidende Partie gegen Czentovic
Trotz seiner traumatischen Erfahrungen ließ sich Dr. B. zu einer Partie gegen Czentovic überreden. Das Spiel entwickelte sich zu einem dramatischen Duell zwischen dem genialen Autodidakten und dem gefühlskalten Profispieler.
Es waren nicht zwei Partner mehr, die ihr Können spielhaft aneinander proben wollten, es waren zwei Feinde, die sich gegenseitig zu vernichten geschworen.
Dr. B. gewann die erste Partie, aber die Anspannung des Spiels weckte seine alten Zwänge. In der zweiten Partie verlor er zunehmend die Kontrolle, verfiel in fieberhafte Erregung und begann, wirre Züge zu machen. Als er seinen Fehler erkannte, brach er die Partie ab und schwor, nie wieder Schach zu spielen.