Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk (Zweig)

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Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk
1932
Inhaltsangabe der Novelle
Das Original liest sich in 82 Minuten
Kurzbeschreibung
Ein neugieriger Mann folgte in Paris einem armen Taschendieb. Er sah dessen Elend und bekam Mitleid. Als der Dieb ihn bestehlen wollte, ertappte er ihn, ließ ihn aber aus Mitgefühl wieder laufen.

Kurze Zusammenfassung

Paris, April 1931. Nach einem Regenschauer setzte sich der Erzähler an einem herrlichen Frühlingsmorgen in ein Café am Boulevard und beobachtete neugierig das Straßenleben.

🧔🏻
Der Erzähler — Ich-Erzähler; Mann mittleren Alters, Schriftsteller oder Intellektueller, neugierig, empathisch, aus wohlhabenden Verhältnissen.

Er bemerkte einen dünnen Mann in einem kanariengelben Mäntelchen, der immer wieder vor einer Schaufensterauslage mit lebenden Äffchen auftauchte. Nach längerem Beobachten erkannte der Erzähler, dass es sich um einen Taschendieb handelte.

👨🏼
Der Taschendieb — dünner Mann um die 40, trägt kanariengelbes Mäntelchen, blondes Bärtchen, kurzsichtig, arm, professioneller Taschendieb.

Der Taschendieb nutzte das Gedränge vor dem Affenfenster, um einer armen Frau die Geldbörse aus ihrer Einkaufstasche zu stehlen. Der Erzähler folgte ihm heimlich durch Paris, beobachtete ihn beim Mittagessen und sah sein Elend. Später ging der Dieb ins Hôtel Drouot, ein Auktionshaus, wo bei einer Versteigerung chinesischen Porzellans dichtes Gedränge herrschte. Als der Dieb versuchte, dem Erzähler die Brieftasche zu stehlen, packte dieser reflexartig die Hand des Diebes unter seinem Rock.

Diese Sekunde kann ich nicht beschreiben. Ich war ganz starr vor Schreck, plötzlich ein lebendiges Stück kalten Fleisches eines fremden Menschen gewaltsam zu halten.

Beide erstarrten vor Schreck. Der Dieb blickte den Erzähler flehend an, voller Todesangst. Der Erzähler schämte sich dieser Macht über einen anderen Menschen und ließ die Hand los. Der Dieb verstand, dass er nicht angezeigt werden würde, und flüchtete aus dem Saal. Der Erzähler wollte ihm helfen, doch der Dieb missverstand dies und verschwand auf der Straße.

Detaillierte Zusammenfassung

Die Einteilung in Kapitel ist redaktionell.

Ankunft in Paris und die Entdeckung eines merkwürdigen Mannes

An einem merkwürdigen Aprilmorgen 1931 kam ein Reisender in Paris an. Nach einem heftigen Wolkenbruch während der Zugfahrt war die Luft frisch und rein geworden.

Wie ein Seidenbonbon schmeckte sie süß, kühl, feucht und glänzend, gefilterter Frühling, unverfälschtes Ozon, und mitten auf dem Boulevard de Strasbourg atmete man überrascht einen Duft von aufgebrochenen Wiesen und Meer.

Der Erzähler hatte keine Verabredungen und ließ sich treiben, bis er schließlich auf der Terrasse eines Cafés an der Ecke Boulevard Haussmann und Rue Drouot landete.

An diesem Tag fühlte er sich besonders aufmerksam und neugierig - einen seiner sogenannten Neugiertage.

An solchen Neugiertagen bin ich gleichsam doppelt und sogar vielfach ich selbst; ich habe dann nicht genug an meinem eigenen umgrenzten Leben, mich drängt, mich spannt etwas von innen.

Während er die vorbeiströmenden Menschen beobachtete, fiel ihm ein merkwürdiger Mann auf, der immer wieder an derselben Stelle auftauchte. Es war ein dürrer, ausgehungerter Körper in einem kanariengelben Sommermäntelchen, das ihm viel zu weit war. Der Mann hatte ein dünnes Spitzmausgesicht mit blassen Lippen und einem blonden Bärtchen. Er schien kurzsichtig zu sein und wurde oft von eiligeren Passanten angerannt.

Der Erzähler ärgerte sich über seine eigene Unfähigkeit zu erraten, was dieser Mensch hier wollte. Zunächst dachte er, es sei ein Detektiv, erkannte aber bald an der zu echten Armseligkeit der Kleidung, dass dies nicht stimmen konnte.

Die Erkenntnis: Ein Taschendieb bei der Arbeit

Plötzlich erkannte der Beobachter die Wahrheit: Es war ein Taschendieb. Der Mann suchte sich gezielt die dicksten Menschenansammlungen vor einem Schaufenster aus, in dem drei lebendige Äffchen ihre Kunststücke vorführten und die Passanten ablenkten. Diese Ablenkung nutzte der Dieb für seine Arbeit.

Der Erzähler war begeistert von dieser Entdeckung, denn noch nie hatte er einen Taschendieb bei der Arbeit gesehen. Er verließ seinen Platz am Kaffeehaustisch und suchte sich einen besseren Beobachtungsposten hinter einem Plakatkiosk. Von dort aus konnte er ungestört zusehen, wie der arme Teufel seinem schweren und gefährlichen Geschäft nachging.

Eine ganze Stunde lang, von elf bis zwölf Uhr vormittags, beobachtete er fasziniert diesen Mann. Dabei lernte er, dass Taschendiebstahl bei hellem Tageslicht eine ungemein schwere und kaum erlernbare Kunst war, die weit mehr als nur Fingerfertigkeit erforderte.

Allmählich begann sich der Beobachter mit dem Dieb zu identifizieren und wurde emotional zu seinem Komplizen.

Aber nur anfangs gelang es mir, rein sachlich kühl diesen Mann bei seinem Handwerk zu beobachten; aber jedes leidenschaftliche Zuschauen erregt unwiderstehlich Gefühl, Gefühl wiederum verbindet.

Die Kunst des Taschendiebstahls

Durch seine intensive Beobachtung erkannte der Erzähler, dass Taschendiebstahl eine außerordentlich anspruchsvolle Tätigkeit war. Der Dieb musste nicht nur geschickte Finger haben, sondern auch psychologisches Geschick, Selbstbeherrschung und enormen Mut besitzen.

Denn ein Taschendieb, dies begriff ich jetzt schon nach sechzig Minuten Lehrzeit, muß die entscheidende Raschheit eines Chirurgen besitzen, der eine Herznaht vornimmt; aber dort liegt der Patient wenigstens schön chloroformiert.

Der Dieb musste seine Opfer sorgfältig auswählen - nur die Unaufmerksamen und Nichtmisstrauischen kamen in Frage, und von hunderten Menschen auf der Straße waren kaum einer oder zwei geeignet. Gleichzeitig musste er darauf achten, selbst nicht beobachtet zu werden, während er seine Arbeit verrichtete.

Der Erzähler erkannte, dass dies eine Mutleistung höchsten Ranges war.

Taschendiebstahl am hellichten Tage auf einem Boulevard, ich weiß es jetzt, ist eine Mutleistung höchsten Ranges, und ich empfinde es seitdem als gewisse Ungerechtigkeit, wenn die Zeitungen diese Art Diebe gleichsam als die Belanglosen unter den Übeltätern abtun.

Als die Mittagszeit kam und die Straßen sich mit Arbeitern, Nähmädchen und Angestellten füllten, wurde das Gedränge vor der Affenauslage besonders dicht. Der kleine Mann im gelben Mäntelchen schwamm und tauchte geschickt durch das Geschiebe. Der Beobachter drängte sich näher heran, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen.

Plötzlich sah er, wie sich der Dieb einer dicken Frau näherte, die mit ihrer kleinen Tochter begeistert die Äffchen betrachtete. Die Frau trug eine offene Einkaufstasche, aus der Brotstangen herausragten.

👩🏻
Die dicke Frau — arme Arbeiterin, sehr korpulent, trägt kariertes Kleid, gutmütig, lacht herzlich über die Äffchen, wird bestohlen.
👧🏻
Marguerite — etwa 11 Jahre alt, blasses Mädchen, schüchtern, Tochter der dicken Frau.

Der Erzähler empfand plötzlich Empörung - diese gutmütige, arme Frau sollte bestohlen werden! Er drängte sich vor, um die Einkaufstasche zu schützen, aber in diesem Moment wandte sich der Dieb ab, streifte ihn mit einem "Pardon, Monsieur" und verschwand aus dem Gedränge. Der Beobachter war sicher: Er hatte zugegriffen.

Der erste Coup und die Verfolgung

Der Erzähler folgte dem Dieb, der nun mit völlig veränderter Gangart - schnell wie ein Wiesel - durch die Seitengassen flitzte. Dies war eindeutig die Fluchtgangart nach vollbrachter Tat. Nach einigen Straßen verlangsamte der Mann sein Tempo und ging wieder ganz normal, als wäre nichts geschehen.

Schließlich steuerte er auf ein kleines öffentliches Häuschen zu, um sich dort unbeobachtet der Beweisstücke zu entledigen und seine Beute zu zählen. Als er wieder herauskam, erkannte der Beobachter sofort an seiner enttäuschten Haltung: Die Beute war mager gewesen. Der arme Teufel hatte den ganzen Vormittag umsonst gearbeitet.

Der Dieb blieb sehnsüchtig vor einem Schuhgeschäft stehen und betrachtete die billigsten Schuhe in der Auslage. Seine zerlöcherten Schuhe brauchten dringend Ersatz, aber der hungrige Blick verriet: Für neue Schuhe hatte der Griff nicht gereicht.

Anschließend ging er in ein billiges Speisehaus. Der Erzähler folgte ihm und setzte sich einen Tisch dahinter. Der arme Mann bestellte eine Flasche Milch - ein Dieb, der Milch trinkt! Diese Kleinigkeit erhellte plötzlich seine ganze Situation.

Ein Dieb, der Milch trinkt! Immer sind es ja einzelne Kleinigkeiten, die wie ein aufflammendes Zündholz die ganze Tiefe eines Seelenraumes erhellen, und in diesem einen Augenblick hörte er sofort für mich auf, Dieb zu sein.

Der Beobachter empfand nun tiefes Mitleid mit diesem unglücklichen Menschen. Er sah in ihm nur noch einen der unzähligen Armen und Gejagten dieser Welt.

In allen Formen der gemeinsamen Irdischkeit, in der Nacktheit, im Frost, im Schlaf, in der Ermüdung, in jeder Not des leidenden Leibes fällt zwischen Menschen das Trennende ab, die künstlichen Kategorien verlöschen.

Der Erzähler wollte dem Mann helfen, fand aber keinen Weg, ihn anzusprechen, ohne seinen Stolz zu verletzen. Als der Dieb das Restaurant verließ, folgte er ihm erneut, getrieben von einer dumpfen Angst um diesen Menschen.

Im Hôtel Drouot - das ideale Revier

Zu seiner Überraschung führte der Weg des Diebes zum Hôtel Drouot, dem berühmten Versteigerungsinstitut von Paris. Der Erzähler erkannte sofort, dass dies der ideale Ort für einen Taschendieb war: dichtes Gedränge, Ablenkung durch die Gier des Schauens und Bietens, und vor allem Menschen mit gefüllten Brieftaschen, da hier alles bar bezahlt werden musste.

Trotz der Warnschilder vor Taschendieben stieg der erfahrene Dieb ruhig die Stufen hinauf. Er erkundete verschiedene Säle und entschied sich schließlich für Saal sieben, wo eine kostbare Sammlung chinesischer und japanischer Porzellan versteigert wurde. Hier drängten sich die Menschen besonders dicht, angelockt von den sensationell teuren Objekten.

Der Erzähler kämpfte sich durch die Menschenmenge, verlor aber seinen "Freund" aus den Augen. Das kanariengelbe Mäntelchen war irgendwo in der Masse verschwunden. Eine mystische Angst erfasste den Beobachter - er war sicher, dass dem armen Teufel heute etwas Entsetzliches zustoßen würde.

Die Versteigerung und der entscheidende Moment

Das Hauptstück der Auktion kam zur Versteigerung: eine riesige Vase, die der Kaiser von China vor dreihundert Jahren dem König von Frankreich geschenkt hatte. Der Auktionator verkündete feierlich den Ausrufpreis von einhundertdreißigtausend Francs.

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Der Auktionator (Commissaire-priseur) — Mann mittleren Alters, trägt Cutaway, gescheiteltes Haar mit Pomade, theatralisch, genießt seine Rolle als Versteigerer.

Ein spannender Bieterkampf entwickelte sich zwischen dem Vertreter eines amerikanischen Auktionshauses und dem Privatsekretär eines großen Sammlers. Die Spannung im Saal war mit Händen zu greifen, als der Preis auf zweihundertsechzigtausend Francs stieg.

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Der amerikanische Vertreter — Vertreter eines großen amerikanischen Auktionshauses, bietet bei der Versteigerung mit.
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Der Privatsekretär — Sekretär eines großen Sammlers, bietet bei der Versteigerung mit.

Als der Hammer zum dritten Mal drohte zu fallen, herrschte absolute Stille. Dreihundert Herzen standen still. Der Hammer fiel mit trockenem Schlag, und die Menschenmauer schwankte und zerbrach in einer erregten Welle der Entspannung.

In diesem Moment der Auflockerung spürte der Erzähler plötzlich einen Ellbogen in seiner Brust und hörte ein "Pardon, Monsieur". Es war der Dieb, der durch die Welle zu ihm hergeschwemmt worden war! Jetzt konnte er ihn endlich genau überwachen. Der Mann hatte seine Hände unter den Ärmeln versteckt, bereit zum Zugriff.

Mit Schrecken erkannte der Erzähler: Der Dieb hatte ihn als Opfer ausgewählt! Er spürte, wie sich der Ärmel mit der verdeckten Hand immer näher an seine Brieftasche heranschob. Hypnotisiert von Erregung und Erwartung, konnte er sich nicht bewegen. Bei der nächsten Auflockerung der Menge fühlte er den gleitenden Griff wie das Laufen einer Schlange.

Plötzlich fuhr seine eigene Hand automatisch hoch und packte die fremde Hand unter seinem Rock. Es war eine reine Reflexbewegung gewesen, die ihn selbst überraschte. Beide Männer erstarrten vor Schreck - der eine hielt die kalte, zitternde Diebshand gefangen, der andere wagte nicht, sie wegzureißen.

Die Begegnung und der Abschied

Während oben die Auktion weiterging, spielte sich zwischen den beiden Männern eine namenlose Schlacht ab. Schließlich ließ der Erzähler die fremde Hand los, die sofort im Ärmel des gelben Mäntelchens verschwand. Beide standen noch immer nebeneinander, Komplizen der geheimnisvollen Tat, beide gelähmt von dem gleichen Erlebnis.

Als der Erzähler zu dem Dieb hinübersah, blickte dieser gleichzeitig zu ihm herüber. In den kleinen wässerigen Augen las er die stumme Bitte um Gnade.

»Gnade, Gnade! Nicht mich anzeigen!« schienen die kleinen wässerigen Augen zu betteln, die ganze Angst seiner zerpreßten Seele, die Urangst aller Kreatur strömte aus diesen runden Pupillen heraus.

Der Dieb verstand, dass er nicht angezeigt werden würde, und löste sich von seinem unfreiwilligen Komplizen. Mit einem Taucherstoß verschwand das kanariengelbe Mäntelchen in der Menge. Der Erzähler wollte ihm noch helfen, ihm Dank für diese Stunden der Spannung erweisen, aber als der Unglücksvogel ihn von weitem erspähte, flatterte er bereits die Treppe hinab in die Unerreichbarkeit der menschendurchfluteten Straße. Unvermutet, wie sie begonnen hatte, war die Lehrstunde zu Ende.

Der Erzähler blieb zurück mit der Erkenntnis, dass er einen Einblick in eine verborgene Welt erhalten hatte - die Welt der Verzweifelten und Gejagten, die ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um zu überleben. Die Begegnung mit dem Taschendieb hatte ihm gezeigt, dass hinter jedem Verbrechen ein Mensch steht, der um sein Dasein kämpft. Diese Erfahrung würde ihn für immer prägen und sein Verständnis für die Abgründe und Nöte des menschlichen Lebens vertiefen.

Paris hatte ihm an diesem Apriltag eine seiner kostbarsten Lektionen erteilt - eine Lektion über Menschlichkeit, Verzweiflung und die dünne Grenze zwischen Recht und Unrecht in einer Welt voller Not und Ungerechtigkeit.