Corpus Delicti (Zeh)
Sehr kurze Zusammenfassung
In der Mitte des 21. Jahrhunderts lebte die Biologin Mia Holl in einem Staat, der auf der METHODE basierte - einem System, das absolute Gesundheit und Hygiene als oberste Prinzipien verfolgte.
Ihr Bruder Moritz wurde des Mordes an einer Frau beschuldigt und trotz seiner Unschuldsbeteuerungen aufgrund eines DNA-Tests verurteilt. Er erhängte sich im Gefängnis. Nach seinem Tod erfuhr Mia, dass der DNA-Test irreführend war: Moritz hatte als Kind eine Knochenmarktransplantation erhalten und damit die DNA seines Spenders übernommen - des wahren Mörders.
Der einflussreiche Journalist Heinrich Kramer versuchte zunächst, Mia für ein Interview zu gewinnen, wandte sich aber gegen sie, als sie begann, das System zu hinterfragen.
Mia wurde verhaftet und der methodenfeindlichen Umtriebe beschuldigt. Im Gefängnis wurde sie gefoltert und sollte ein Geständnis ablegen, dass sie Teil einer terroristischen Vereinigung sei. In ihrer letzten Rede vor Gericht rief sie zur Revolution auf:
Brennt das Land nieder. Reißt das Gebäude ein. Holt die Guillotine aus dem Keller, tötet Hunderttausende! Plündert, vergewaltigt! Hungert und friert! Und wenn ihr dazu nicht bereit seid, gebt Ruhe.
Das Gericht verurteilte sie zum 'Einfrieren' - einem künstlichen Koma auf unbestimmte Zeit. Doch im letzten Moment wurde sie begnadigt - eine raffinierte Strategie des Systems, um sie nicht zur Märtyrerin werden zu lassen und damit den Widerstand zu stärken.
Ausführliche Zusammenfassung
Die Einteilung in Kapitel ist redaktionell.
Die METHODE und ihre Prinzipien
In der Mitte des 21. Jahrhunderts wurde die Gesellschaft von einem System namens METHODE beherrscht. Dieses basierte auf dem Prinzip, dass Gesundheit das höchste Gut sei und jeder Bürger die Pflicht habe, seinen Körper optimal zu pflegen. Die Menschen lebten in einer durchorganisierten Welt, in der regelmäßige medizinische Untersuchungen, Sport und gesunde Ernährung gesetzlich vorgeschrieben waren.
Gesundheit ist nichts Starres, sondern ein dynamisches Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Gesundheit will täglich erhalten und gesteigert sein, über Jahre und Jahrzehnte hinweg, bis ins höchste Alter.
Die METHODE hatte die frühere Demokratie abgelöst und legitimierte sich durch das Versprechen eines schmerzfreien, gesunden und langen Lebens. Jeder Bürger trug einen Chip im Arm, der seine Gesundheitsdaten übermittelte. Die Zentrale Partnerschaftsvermittlung regelte Beziehungen nach immunologischer Kompatibilität. Wer sich den strengen Gesundheitsvorschriften widersetzte, wurde als Gefahr für die Gesellschaft betrachtet.
Mia Holls erste Konflikte mit dem System
Die Geschichte begann mit der 34-jährigen Biologin Mia Holl, die nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz in eine tiefe Krise geriet. Sie vernachlässigte ihre gesundheitlichen Pflichten, reichte keine Ernährungs- und Schlafberichte ein und versäumte ihre Sportübungen.
Vor Gericht musste sich Mia für ihre Versäumnisse verantworten. Die junge Richterin Sophie zeigte zunächst Verständnis für Mias Situation und versuchte, ihr mit einer milden Verwarnung zu helfen. Doch Mia lehnte jede Form von Hilfe ab und bestand darauf, dass ihr Schmerz eine Privatangelegenheit sei.
Der Mensch ist verblüffend unpraktisch konstruiert. Im Gegensatz zum Menschen lässt sich jede Saftpresse aufklappen und in ihre Einzelteile zerlegen. Säubern, reparieren und wieder zusammenbauen.
Heinrich Kramers Interesse an Mia
Heinrich Kramer, ein einflussreicher Journalist und überzeugter Verfechter der METHODE, wurde auf Mias Fall aufmerksam. Er besuchte sie und bot ihr an, ein Interview mit ihr zu führen. Dabei zeigte er sich fasziniert von ihrer rationalen Art und ihrer inneren Zerrissenheit zwischen Systemtreue und der Liebe zu ihrem Bruder.
Das Menschliche ist ein nachtschwarzer Raum, in dem wir herumkriechen, blind und taub wie Neugeborene. Man kann nicht mehr tun, als dafür zu sorgen, dass wir uns beim Kriechen möglichst selten die Köpfe stoßen.
Die Eskalation des Konflikts
Als Mia erneut gegen die Gesundheitsvorschriften verstieß, wurde ihr ein Pflichtverteidiger zugewiesen. Lutz Rosentreter, zunächst unsicher und nervös wirkend, entpuppte sich als heimlicher Systemkritiker. Er sah in Mias Fall die Chance, die METHODE herauszufordern.
Die Situation verschärfte sich, als Mia sich weigerte, die vorgeschriebenen Untersuchungen durchführen zu lassen. Sie wurde in Untersuchungshaft genommen, wo sie die ideale Geliebte, eine von Moritz erfundene imaginäre Figur, als innere Stimme begleitete.
Enthüllung der Wahrheit über Moritz
Rosentreter machte eine erschütternde Entdeckung: Moritz hatte als Kind Leukämie und erhielt eine Knochenmarktransplantation. Der Spender war ausgerechnet jener Mann, dessen DNA später am Tatort des Mordes gefunden wurde. Die DNA-Spuren, die zu Moritz' Verurteilung führten, stammten also nicht von ihm selbst, sondern von seinem Knochenmarkspender.
Seit Moritz tot ist, trete ich ans Fenster, ohne den Mond zu sehen. Kann es sein, dass er die Erde verlassen hat und ins All hinausgefahren ist? Ich hätte Verständnis.
Mias Widerstand und Manifeste
Nach der Enthüllung der Wahrheit über Moritz' Unschuld verfasste Mia ein aufrüttelndes Manifest gegen die METHODE. Sie kritisierte das System für seine blinde Technologiegläubigkeit und die Unterdrückung individueller Freiheit im Namen der Gesundheit.
Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon. Ein System, das sich auf Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will.
Kramer veröffentlichte Mias Manifest, interpretierte es aber als Beweis für ihre Gefährlichkeit. Er stellte sie als Anführerin einer terroristischen Vereinigung namens 'Die Schnecken' dar, die angeblich einen Anschlag mit Bakterien plante. In ihrer Wohnung wurden tatsächlich gefährliche Bakterienkulturen gefunden, die Kramer dort platziert hatte.
Verhaftung und Folter
Mia wurde verhaftet und in Isolationshaft gebracht. Trotz der fortschrittlichen Fassade der METHODE griff das System auf mittelalterliche Methoden zurück. Kramer bot Mia einen Deal an: Wenn sie gestehen würde, Teil einer terroristischen Vereinigung zu sein, könnte ihre Strafe gemildert werden. Als sie sich weigerte, wurde sie gefoltert.
Ich entziehe mir das Vertrauen, weil mein Bruder sterben musste, bevor ich verstand, was es bedeutet zu leben. Ich entziehe einer Moral das Vertrauen, die zu faul ist, sich dem Paradoxon von Gut und Böse zu stellen.
Das finale Urteil und die Begnadigung
Im finalen Prozess wurde Mia des Hochverrats und der Vorbereitung eines terroristischen Krieges angeklagt. Richter Hutschneider, der nach Sophies Ausscheiden den Vorsitz übernahm, führte den Prozess mit eiserner Strenge. Der Staatsanwalt Bell forderte die Höchststrafe: Einfrieren auf unbestimmte Zeit.
Im letzten Moment, als der Einfrierungsprozess bereits begonnen hatte, traf eine überraschende Begnadigung ein. Kramer enthüllte, dass dies von Anfang an der Plan gewesen war: Die METHODE wollte keine Märtyrerin schaffen. Stattdessen sollte Mia durch Resozialisierung und medizinische Überwachung wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden - eine subtilere, aber effektivere Form der Bestrafung.